Sauer macht lustig

Irgendwo im Speicher des vermutlichen Falschwissens haben wir abgelegt, dass Eskimos (ja, ja, Inuit) tausend Schneesorten kennen, während unseren Wetterdiensten egal ist, welcher Schnee gerade für Unbehagen auf der Autobahn sorgt. Das Phänomen der sprachlichen Ungenauigkeit ist aber auch abseits vom Niederschlag bekannt: Bein oder Fuß? Wen interessiert, ob nach einem anstrengenden Marsch von Zeh bis Hüfte einfach alles brennt oder nur die Sohlen Alarmsignale senden? Störend wird die abstinente Präzision erst, wenn die Verständigung leidet. Beispiel: Wenn ich als Deutscher sage, etwas schmecke zu salzig, meine ich, es ist zu viel Salz verwendet worden. Wenn meine ostösterreichische Schwiegermutter in spe dasselbe meint, sagt sie aber, das Essen sei zu sauer. Das sage ich aber nur, wenn für mich zu viel Essig am Salat ist. Preisfrage also: Was sagt sie, wenn auch ihr der Aceto auf der Zunge brennt? Natürlich auch ‚sauer‘. Will der renitente zukünftige Schwiegersohn aber wissen, ob nun zu viel Salz oder zu viel Essig den Genuss verwehrt, so kann er damit nichts anfangen und muss nachhaken. Das kann die Unverstandene dann nicht leiden und droht, das zu werden, was der Salat schon ist. Die Schwester  (Schwiegertante?) springt aber ein und erklärt, dass man doch sehr wohl zwischen salzig und säuerlich unterscheiden könne, wie sich herausstellt mithilfe von Präfigierung: Es gebe Salz-sauer und Essig-sauer. Das verwendet natürlich keiner und warum? Weil es a) wie vieles in Österreich wurscht ist und weil man b) sich trotzdem versteht, denn es hilft der Kontext: Man probiert die Speise und weiß dann ‚versalzen‘ und sagt ‚sauer‘ oder schmeckt das Zuviel an Branntweinerzeugnis und sagt auch ‚sauer‘. Da könnte man sich das ‚süß‘ eigentlich auch einsparen und einfach kosten lassen. Essen essen ist eh besser als über Essen reden. Das hab ich dann auch eingesehen, ehe ich noch des Tisches verwiesen werde, da die Gute endgültig Gemüt-sauer geworden ist. Und dafür haben die Österreicher nun ein anderes Wort: ‚hab‘. Was lerne ich daraus? Ob zu viel Salz oder Essig ist egal. Aber die Stimmung, da muss man genau sein.

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