Der Blassportgruppe neues Werk: Back in Blech

Es wäre interessant, nach diesem ersten Absatz nicht weiterzulesen, das Booklet zur Seite zu legen, das Musikabspielgerät der Wahl in Betrieb zu nehmen und ein kleines Experiment zu starten: Hören Sie jeden Track nur 10 Sekunden. Wie viele Originale meinen Sie zu erkennen? Es handelt sich bei diesem Album nämlich um eine Sammlung ausschließlich von Coverversionen. Wenn eine Runde nicht reicht, dann müssen Sie sich nicht schämen, sondern sich langsam herantasten. 20 Sekunden, 30, 40, eine Minute, das ganze Stück. Selbst dann kann es sein, dass Sie sich eingestehen müssen: „Die Nummer kenn‘ ich nicht.“ Das kann an Ihrem Alter liegen (zu alt oder zu jung) oder an Ihrem Musikgeschmack (zu wenig oder zu strikt rockaffin). Das Vorlagen-Spektrum erstreckt sich nämlich von den 70ern bis in die 2010er-Jahre und stilistisch von Rock über New Wave bis hin zu aktuellem Chart-Pop, da muss man nicht alles im Ohr haben.
Es kann aber auch sein, dass das Ergebnis der Stücke, nachdem sie durch den BSG-Wolf gedreht wurden, anders ist als das, was man üblicherweise unter dem Begriff ‚Cover‘ versteht. Nicht einfach nachgespielt, nicht nur umarrangiert, nicht nur an den Filetstücken vergriffen, wie es der HipHop salonfähig gemacht hat. Also: Hören oder weiterlesen?

Der Albumtitel Back in Blech ist eigentlich ein widersprüchlicher. „Zurück“ setzt ein „weg“ voraus, „in Blech“ macht glauben, die Blassportgruppe habe vorher nur mit Bratsche, Akkordeon und Tamburin aufgespielt. Das hat sie natürlich nicht, dazu hätte sie anders heißen müssen. Wirklich weg waren die 10 Herren auch nicht, wenngleich eine Schaffenspause doch genommen und auch genutzt wurde – und wie man lesen kann, ohne noch gehört zu haben, zur Entwicklung: Back in Blech ist schon dem Namen nach eine Hommage an das erfolgreichste Hardrock-Album der Musikgeschichte, Back in Black von AC/DC mit über 49 Millionen Plattenverkäufen. Ein großes Vorbild also, unerreichbar will man meinen, mit 1. deutschen Texten, 2. Jazzmusikern und 3. Blasinstrumenten. Natürlich ging es bei der Namensgebung wohl nicht um einen Vergleich in kommerzieller Hinsicht, sondern um inhaltliche Orientierung – Back in Blech bietet Rockmusik –, aber die Auseinandersetzung mit dem, was heutzutage auf der einen Seite sein muss und auf der anderen keinesfalls sein darf, um im Musikgeschäft Popularität zu erlangen oder zumindest im Radio gespielt zu werden, ist schon ein Kernthema der Platte – und für die Band, schließlich gehört der „Kampf mit Konventionen“ zu ihrem täglich Brot zwischen Musikverkäufen und Bookings. Ganz konkret wird das beim herrlichen Titel Sowieso (basierend auf Jessie J.s Domino), einer (selbst-)ironischen Nummer, die dem Popbusiness mit seinen Stereotypen, Klischees, Erwartungshaltungen und engen Formatkonzepten, aber auch den Musikkonsumenten den Spiegel – wunderbar: nicht nur auf Textebene! – vorhält. Der Song ahmt nach, was als marktkonform gesehen wird und bricht sogleich radikal damit (ja, es gibt ein Solo über 16 Takte hinaus!), die Musik desavouiert die Sprache und letztere wird sogar selbstreflexiv eingesetzt. Ohne Frage der intellektuelle Höhepunkt des Albums, eventuell auch der musikalische (das ist eher Geschmacksache).

Dass auch der Text der Musik in die Beine grätschen kann, beweist Körperklaus, das musikalisch auf einer Kollage aus Backstreet Boys-Melodien besteht. Hier wird deutlich, was eine Coverversion mit deutschem Text nicht sein darf, wenn sie gut sein will: nämlich eine schlichte Übersetzung. Eigentlich kann aus einer simplen Kopie nämlich nur eine Schmalzschulze werden – im Englischen geht, was im Deutschen eben nicht geht –, wie sie regionale Schlagersender zum Auffüllen ihrer Playlists einkaufen. Die Blassportgruppe versteht unter Re-Texting aber etwas anderes. Gott sei Dank. Aggressiv-offensiv oder humorig verteidigend muss es aber nicht immer sein. Mit Nur wir zwei wagen sich die Jungs aus der Deckung und liefern eine sensible Neudichtung ohne doppelten Boden – ein Novum in der Bandgeschichte – für das von Coverversuchen eher verschonte Boys of Summer und markieren auch musikalisch die weichste Stelle ihres Klangkörpers.
Wenn eine Übersetzung einem Stück eher schadet, als dass sie dem Neuinterpreten nützt, dann kann man getrost auf sie verzichten. Das scheint man bei Black Hole Sun, dem Schlusstitel begriffen zu haben und so ließ man Text und Titel unberührt. Dafür oszilliert der Stil zwischen leichtem Bossa und schwerem Rock und bringt so ein gar tieferes Songerleben als im Ur-Stück von Soundgarden.
Diese „Möglichkeit zum Mehr“ gründet auf das Potential der Band und ihren Einzelspielern, die zum einen aus verschiedenen Stilen kommen, zum anderen aber eine breite und tiefe Ausbildung haben und deshalb einfach alles spielen können. Für wen das hier vorliegende vierte Album der BSG das erste sein und wer an der Qualität und Ernsthaftigkeit von „Blas-Rock“ zweifeln sollte, der sei beruhigt. Es handelt sich um keine Bierzelt-Parodie von Deep Purple, sondern um echten Rock, bei dessen Grundpfeilern man keine Kompromisse eingeht: „Geh-Bass“ (Sousaphon) statt E-Bass bedeutet keine Reduzierung und ein tragbares Schlagzeug macht eher mehr Druck als ein stehendes. Darüber hinaus bietet die aktuelle Platte im Vergleich zu früheren Werken weniger Jazz, dafür harmonische Songauthentizität – die alte Formel Weniger ist Mehr – und gewinnt durch diese Schnörkellosigkeit und Originalität noch mehr Kraft. Das macht Sinn: Rock ist halt kein (Bebop-)Rückraumdribbling, sondern Powerplay.

veröffentlicht in SONIC 3/2013

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