Moonrise Kingdom

Wes Andersons Kinokunst hat spätestens seit „The Royal Tenenbaums“ eine große Fangemeinde. Ob diese mit seinem neuesten Werk ermüdet oder aber noch heißer wird? Die Erwartungen sind groß…

Die Filme des Amerikaners sind ein Fest für die Sinne und sollten deshalb bitte auf der großen Leinwand erfahren werden. Bunt das Setting, skurril die Figuren, hinreißend die Musik und so unaufdringlich die Handlung, dass das sensorische Erlebnis auf keinen Fall durch zu viel Plot beeinträchtigt würde. Keine Spur abtrünnig sein neuestes Werk, „Moonrise Kingdom“. Dennoch ist es nicht einfach ein neuerlicher Aufguss seiner bekannteren Werke wie „The Royal Tenenbaums“ oder „The Life Aquatic“. Vielmehr handelt es sich um eine weitere Evolutionsstufe auf dem Weg zur Perfektion seiner eigenen Ästhetik.

Tommy Hilfiger-Ästhetik

Diese erinnert in ihrer Farb- und Kontrastverliebtheit an Tommy Hilfiger-Werbekampagnen, die die Casual-Mode eines Amerikas aus den 60er- und 70er-Jahren in den Himmel loben, in dem sie ihr ein intensitätsverstärkende Bühne bereitet. Jedes Kleidungsstück scheint abgestimmt auf die Umgebung: Das Haus, die Tapete, Möbel, Haushaltsgeräte, den eigenen Teint, andere Menschen und sogar die Natur. Es kribbelt einem buchstäblich die Netzhaut beim Anblick dieser liebevollen Arrangements.

Dass der 2012 erst 43jährige Regisseur mit seinem aktuellen Werk qualitativ schon ziemlich weit fortgeschritten ist, belegt auch die Besetzungsliste des Films: Zum ersten Mal spielen Tilda Swinton, Edward Norton, Harvey Keitel und Action-Altstar Bruce Willis in einem Anderson-Streifen – natürlich neben des Regisseurs „Kernmannschaft“, zu der Jason Schwartzman gehört und vor allem Bill Murray, ohne den der Texaner – zum Glück des Zuschauers – gar nicht mehr auskommen kann. Er wirkte bei den letzten sechs der insgesamt nur sieben Filme mit und tut auch in dieser Rolle das, was er am besten kann: beinahe schon peinlich unangepasst und ungepflegt durch das Bild wanken, dabei wenig sagen, aber bemitleidenswert schauen.

Den Qualitätsgewinn spürt man aber auch an einem klareren Drehbuch (wenngleich es auch dieses Mal irgendwann ausfranzt: zu klar darf es wohl nicht sein), neuen Schnittideen und einem noch feineren Einsatz der nicht eigens komponierten Musik, die den Film nicht untermalt, sondern strukturiert. „Moonrise Kingdom“ wirkt überall um eine Nuance geschliffener als seine Vorgänger.

Hingebungsvolle Querulanten

Thematisch geht es in allen Anderson-Produkten nicht um das große Ganze, sondern das Individuum und die kleinste Zelle drum herum: die Familie bzw. deren Nicht-Existenz. Im Grunde auch hier: Der 12jährige abweichlerische Waisenjunge Sam bricht aus seinem Pfadfinderlager aus, um sich mit einem gleichaltrigen Mädchen aus dem Staub zu machen, das er bei einer Theateraufführung kennenlernte. Da sich beide auf einer kleinen Insel befinden, ist dem gemeinsamen Durchbrennen per definitionem schon ein baldiges Ende gewiss. Als sie geschnappt werden, drohen ihm Elektroschocks in einem Heim für Schwererziehbare (wohl Usus in den 60er-Jahren!), also beiden die sichere Trennung voneinander. Doch lukrieren die beiden Pubertierenden mit Ihrer Zuneigung so viel Sympathie bei Betreuern, Eltern und auch Altersgenossen, dass diese helfen, den Eingriff des Jugendamtes zu verhindern.

Wunderschön ist die Beziehung des trotzigen Sam in Pfadfinderuniform, mit Hornbrille und der Attitüde eines linksintellektuellen pfeiferauchenden Künstlers und der schon ganz Frau werdenden, nicht minder aufmüpfigen Suzy, der Bücher und Schallplatten wichtiger sind als z.B. frisches Gewand und die deshalb tagelang einen unhandlichen Koffer voller Kultur durch die Wildnis zerrt. Beide sind sie schrullig, wie alle Individuen in Andersons Filmen, doch ihre Hingabe und Unverbesserlichkeit macht sie zu vollkommenen Sympathieträgern.

Wer nicht den Handlungsthrill, Spannung und die dazugehörige Lösung sucht, sondern stattdessen einen Film an prinzipiell jedem Augenblick anhalten können will, um sich dann aus dem Still ein Poster anzufertigen zu lassen, der wird Moonrise Kingdom lieben.

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