In Time – Ein Alternativszenario oder die Pervertierung des Carpe Diem!

Die ständig wachsende Bevölkerung unseres Planeten ist ein reales Problem. Dieses vergrößert sich exponentiell – nicht durch schiere Mathematik sondern die Konsumerwartung eines jeden einzelnen. Essen für alle wäre nicht das Problem. Auto und Handy für jeden dagegen schon. Wie dieser Lage Herr werden? Man mache den Menschen unsterblich! Klingt paradox, ist aber interessant.

Die Uhr der Lebenszeit tickt auch in der echten Welt. Zum Glück aber nicht so deutlich sichtbar wie in diesem Film.

Ein halbes Jahr nach Kinostart schaue ich mir diesen Streifen an. Alles andere als just in time also. Im Gegensatz zu den meisten Individuen in der Welt dieses Films kann ich mir das aber eher leisten. Denn hier hat jeder Mensch eine biologische Uhr, nur läuft diese, im Gegensatz zu der in unserer Welt, am Unterarm inkorporiert gut sichtbar rückwärts und gibt sekundengenau Auskunft über die Lebensrestzeit. Das trägt nun nicht gerade zur Entspannung bei. Zumal es nicht eine schicksalhaft festgelegte Gesamtzeit gibt, die unerschütterlich jedem Individuum zugeteilt ist. Nein, man kann sich sein Leben verlängern – in der Regel durch Arbeit. „Time is now the currency“ heißt es im Vorspann, Zeit ist also die Währung dieser Welt. Das mag für manchen hoffnungsfroher erscheinen als die Vorstellung eines fixen Todesdatums, schließlich verbleibt so ein Schimmer von Selbstbestimmtheit; doch es bleibt beim Anschein, beim Schimmer, denn das Wirtschaftssystem wird kontrolliert von den Zeitreichen, die die Armen so kurz halten, dass ein Streik sie schon umbringen würde: Wer leben will, muss zu jeder Bedingung arbeiten (Lohnkürzungen werden nicht diskutiert, wenn einem in wenigen Stunden der Time Out droht) und zu jedem Preis konsumieren (die Lebenshaltungskosten steigen täglich). Man diesem nicht entrinnen ohne dabei sein Leben zu lassen. Dahinter steckt nicht unbedingt Sadismus, in erster Linie Kalkül, schließlich gilt es, die Menschheit zu dezimieren.

Ewige Angst gegen die Aussicht auf ewiges Leben?

Warum dabei die Menschen nicht altern, bleibt unklar. 25 Jahre nach der Geburt beginnt die auf jeden Fall eines jeden Uhr zu ticken, ohne Eingriff bleibt ein Jahr, und mit 25 hat man auch das Reifestadium erlangt, das einen bis zum Tod zumindest physisch begleiten wird. Alle Menschen sind also jung oder jünger und wenn sie sterben, dann sterben sie auch in einem jungen Körper, egal wie viel sie erlebt haben. Vielleicht bekommt deshalb niemand Falten (es sei denn er schläft nicht und ernährt sich nur von Kaffee und Schnaps), damit die Reichen, die de facto ewig leben, sich niemals scheuen müssen, in den Spiegel zu schauen. Damit auch ihre eigene Skrupellosigkeit sie niemals schaudern lässt, haben sie Welt in „Zeitzonen“ eingeteilt. Das ist natürlich ein Euphemismus. Die Zeitzonen sind in Wahrheit Isolationsareale, Ghettos. Die ärmsten haben ihre Zone, in der Tote auf der Straße zum alltäglichen Bild gehören), die reichsten ihr Gebiet (das bezeichnenderweise New Greenwich heißt) und die dazwischen auch. Es gibt also eine Klassengesellschaft – legal nicht getrennt aber praktisch. Jeder darf seine Zone verlassen – wenn er es denn kann, denn jeder Übergang kostet Maut. Und die ist so hoch, dass keiner aus der niedrigeren Klasse es sich leisten kann, in die Zone der höheren zu wechseln.

Glücklos: The poor die and the rich don’t live

Die Armen fristen ihr Dasein also unter ständigem Sterbestress, leben nur von Stunde zu Stunde, zwischen Ablenkung in Alkohol und Glücksspiel, Ekstase und Angst, während die Reichen nicht wissen was sie mit ihrer Zeit anstellen sollen. Zwar geben Sie sich auch dem Spiel hin, doch scheint für viele ein wirklicher Antrieb zu fehlen. Pointiert dazu ein Satz von Sylvia, der Tochter des unvorstellbar reichen Zeitverleiher-Tycoon Philippe Weis: „The poor die and the rich don’t live.“ Diesem Umstand ist es auch zu verdanken, dass der junge Will Salas (jung, da seit seiner Geburt erst 28 Jahre vergangen sind) mit über hundert Jahren beschenkt wird. Der reiche Henry Hamilton, 105 Jahre alt (wohlgemerkt weitestgehend faltenfrei!), ist des Lebens überdrüssig und überträgt, was er bei sich hat, auf Wills Zeitkonto, da er glaubt, dass dieser mehr damit anfangen könne (schön hier sein Appell „Don’t waste my time!“). Mit diesem Vermögen entkommt Will seiner Zeitzone und betritt New Greenwich. Auch wenn er einen feinen Anzug trägt und nicht knauserig mit seinem Guthaben umgeht, fällt er doch auf: Er läuft statt zu gehen, er isst schnell, er kommt kaum zu Ruhe – das Stigma der Armen. Die Reichen hasten niemals: „Why do today when you can do it in a century?“ ist der Leitspruch. Die Verunmöglichung, dass es für etwas jemals zu spät ist, legt einen Gilb der Tristesse über das äußerlich glitzernde Leben der Wohlhabenden. Zeitlosigkeit ist aber sogleich die Insignie der Macht: Es haben die geschafft, denen keiner den Lebensrhythmus diktiert. Ein großes Zeitpolster macht aber eben auch nicht glücklich, wenngleich es nicht nur Will aus der untersten Schicht als zynisch und naiv empfindet, wenn seine Bekanntschaft aus der Upper Class, die „in real time“ etwas ältere Sylvia, erklärt, sie beneide manchmal die Armen. Dieser latente Wunsch nach Sterblichkeit geht dann, für den Zuschauer nicht unerwartet, rasch in Erfüllung und der drohende Zeitkollaps lehrt Sylvia zwar das rennen, jedoch fühlt sie sich dadurch auch nicht lebendiger.

Die Handlung ins Rollen bringt die Instanz der Timekeeper – eine Einrichtung, die Ähnlichkeiten zu einer Polizei aufweist, der es aber nicht um Gerechtigkeit. Im Gegenteil, die Timekeeper sorgen dafür, dass die Ungleichheit in der Verteilung der Lebenszeit erhalten bleibt. Deshalb jagen sie auch Will Salas. Denn auch wenn er seine Zeit geschenkt bekam, sie steht ihm nicht zu. Zugedacht per Geburt ist ihm das Leben eines Gehetzten und er stellt als vermögender Armer eine Bedrohung des Systems dar. Ironie dabei ist, dass der Kopf der Zeitwächter selbst aus dem Armenviertel entstammt. Zu erkennen ist das  – an seiner Laufbereitschaft.

Biologistische Logik: For a few to be immortal, many must die

Überlegenswert sind die beiden konträren Positionen zum Thema „ewiges Leben“: Der reiche Hamilton, der seine gesamte Zeit an Will verschenkt bekennt, dass er nach über 100 Jahren vom Leben genug hat: „We want to die. We need to.“ Dies ist auch der Grund, warum er sich in das Armenviertel begibt und dort mit seinem prallen Konto durch die Bars zieht. Dort Zeit zu besitzen, heißt nämlich auch, sie verstecken zu müssen oder aber beklaut und getötet zu werden. Dem gegenüber steht die Aussage des Zeitmoguls Philippe Weis, als er seine Tochter davon zu überzeugen sucht, dass eine Revolution, die jedem die gleiche Lebenszeit verspricht gegen die Natur des Menschen wäre: „Don’t fool yourself, because everyone wants to live forever.“ Zuvor benutzt er auch schon den recht strapazierten Begriff des „survival of the fittest“ (der leider im Film fälschlicherweise Darwin zugeschrieben wird) und argumentiert damit biologistisch in die gleiche Richtung. Jedoch gibt es in dieser Welt keine natürliche Selektion, keine Chance für den wirklich stärkeren, sondern nur das Vorrecht qua Geburt. Es wird versucht, die vollzogene Konstitution einer Aristokratie aus einer Natürlichkeit abzuleiten – und somit auch die Unsinnigkeit speziell menschlicher Errungenschaften wie der Solidarität als heuchlerisch zu entlarven. Und in der Tat: Wie wäre es denn, wenn wir alle nicht alterten, es aber fix nach 100 Jahren aus wäre? Am Morgen noch gut gefrühstückt und zum Mittagessen schon Leichenschmaus? Gäbe es die Möglichkeit, sein Leben zu verlängern, natürlich auf Kosten anderer, die man aber nicht kennt, würde man davor zurückschrecken? Eine schwierige Frage. Phillipe Weis antwortet pragmatisch – und interessanterweise mit exakt den gleichen Worten wie Henry Hamilton zu Beginn: „For a few to be immortal, many must die.”

Nach diesem Film, freue ich mich, dass wir altern. Nicht nur weil die Mutter und die Oma deshalb glücklicherweise von der eigenen Freundin zu unterscheiden sind, sondern auch, weil der Abschied aus dem Leben sicher leichter fällt, wenn eines Tages der Körper nicht mehr mitspielt.

Zukunftsmusik oder Zerrspiegel?

Spielt dieser Film in der Zukunft? Zeigt er uns eine Dystopie? Utopisch ist zumindest die Tatsache, dass es keine hässlichen Menschen gibt. Jung sind selbstverständlich alle, aber Jugend schützt bekanntlich nicht vor körperlicher Makellosigkeit. Doch zurück zur Zeit: Hinweise auf allzu Modernes gibt es nicht, im Gegenteil: Mit Ausnahme der gentechnisch veränderten Menschen und der damit einhergehenden Biotechnologie gibt es nichts Futuristisches. Die Häuser sind schäbig, die Autos haben Karosserien aus den 70ern, auch wenn unter ihren Hauben kein Achtzylinder blubbert, moderne Kommunikation gibt es nur bei den Reichen und auch die ist nicht fortschrittlicher als das, was für den Zuschauer heute normal erscheint. Vielmehr wird hier also eine Alternativwelt entworfen, ein Paralleluniversum, in dessen Zentrum eine große Uhr zu sein scheint. So haben die meisten Figuren auch Namen berühmter Uhrenhersteller. Doch schon auf den ersten Blick gibt es natürlich Schnittmengen der beiden Kosmoi, des fiktionalen und des realen. Jene Gesellschaft unterscheidet sich gar nicht gravierend von unserer, da es im Kern nicht um Zeit geht, sondern um Macht. Phillipe Weis, der Banker mit fraglicherweise klar jüdischer Assonanz im Namen, spricht aus, was manche Milliardäre hinter dicken Notarstüren auch unterschreiben würden: „There’s nothing I cannot buy.“ Und eines ist auch klar, “For a few to be immortal, many must die.” heißt übersetzt nichts anderes als: Für wenige Superreiche müssen viele darben.

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