2012 – Odyssee im Wohnraum

Eine Wohnung in Wien zu finden ist nicht leicht. Ob die homerischen 10 Jahre ausreichen, um endlich sein persönliches Ithaka zu finden. Noch besteht Hoffnung…

“Wie stehst du zum Thema ‘Water Footprint’?” Das war die vierte Frage (auf die ich keine Antwort wusste) meines Hearings auf der Assessment-Couch dieses gerade dem elterlichen Ei entschlüpften Nachwuchspädagogen, der im zweiten Semester bereits eine Pause einlegen musste, da ihm der Umzug in die eigenen vier Wände bereits „zu stressig“ war. Er suchte, wie so viele andere, keinen Zweck-WG-Komplementär, sondern etwas schwer Definierbares zwischen Freund und Wirtschaftspartner (ein gefährlich hybrider Anspruch). Allerdings ging seine Bereitschaft, Freundschaft zu schließen nicht so weit, dass er es gut heißen konnte, dass ich mich unaufgefordert – wie impertinent! – auf sein Sofa setzte, wo er mir doch ein Glas Leitungswasser am zugehörigen Tisch servierte.

Irrenhaus statt Irrfahrt

Aber dieser junge Mann stand noch ganz am Anfang einer 35 Stationen dauernden Tour durch teilfreie Wohnungen, die mir bizarre Szenerien bescherten mit Fragebögen, Fotocastings, Massenbesichtigungen (adäquat für die Suche eines Mitbewohners?) in Chargen und über mehrere Runden und auch einigen Fettnäpfchen: Wie die von mir lautstark kommunizierte Abneigung gegenüber Deutschen in einer bayrischen Wohngemeinschaft. Vorläufiges Ziel: Eine Unterbringung bei einem steirischen, kiffenden, kunsthistorisch magistrierten Behindertenbetreuer, der unter der Dusche stets im Bel Canto-Stil folgenden Satz zum Klingen brachte: „Ich – brrring – mich – uuuuuuuuuummm!“ Da dachte ich mir öfter: „ Hoffentlich bald. Und falls er es wirklich einmal umsetzt, ist es gut, dass es im Bad passiert. Das ist schnell wieder sauber.“

Jedenfalls war ich froh, dass mir endlich jemand mal keine Absage erteilte und er war froh, dass er einmal jemanden nicht abschrecken konnte.

Wohnen in Wien

Abschreckend war es in der Tat (wenngleich meine Not den Schrecken ausstach). Nicht nur die Suizidalgesänge und manche Ungustligkeiten, sondern vor allem der Preis erschütterten mich und mein Portemonnaie. Über 400 Euro für einen Altbau-WG-Anteil. Im 15ten Bezirk.

Wie ich 2009 nach Wien kam, konnte ich das noch für rechtens erachten. Heute weiß ich, dass für einen Altbau dieser Größe in dieser Gegend so ein Preis von Gesetzt wegen nicht stimmen kann. Entweder zockte uns der Vermieter ab oder mein Steirer mich – wie es so viele Gestrandete machen, die sich vor Jahrzehnten eine billige Wohnung sicherten und nun mit den armen (vornehmlich deutschen) Studenten, die dringend eine Bleibe brauchen, Ihr Leben in Bademänteln und mit Joints zum Frühstück finanzieren. Es gibt viele, die für ein 12qm-Kabinett 350 Euro oder mehr bezahlen.

Missverhältnis zwischen Einkommen und Miete

Geradezu pervers scheint mir auch die Tatsache, dass gerade viele beruflich arrivierte nicht nur gemessen an ihrem Einkommen, sondern auch absolut kaum etwas für ihren Wohnraum bezahlen. Ein bekannter von mir ist Primar am AKH und verdient wahrscheinlich seine 5.000 netto. Was zahlt er für seine 75 Quadratmeter im siebenten Bezirk? 300 Euro. Dabei ist er kaum noch dort, macht aber den Platz nicht frei. Und er ist keine Ausnahme. Ich kenne viele, die gutes Geld verdienen, aber einem alten, geerbten Mietvertrag haben. Wer heute als Student nach Wien kommt, dessen selbsterwirtschaftete Mittel belaufen sich in der Regel auf nichts bis gering. 400 Euro für ein WG-Zimmer fressen da schon mal mehr als eigentlich da ist. Und bei wem der Rubel rollt, der hat mit Sicherheit schon eine Bleibe um ein Trinkgeld. Ausgleich ist anders. Eine Mietrotation nach Lebensphasen und damit Einkommen wäre für das ach so soziale Wien anzudenken.

Wertzuwachs neben prekären Eigentumsverhältnissen und destruktiven Mietern

Heuer suche ich nach einer leistbaren Eigentumswohnung. Ich bin aber nicht der einzige. Was vor fünf Jahren noch für eine 80 Quadratmeter-Wohnung bezahlt wurde, muss man heute für eine halb so große auf den Tisch legen. Dabei kommen einem doch hin und wieder scheinbare Schnäppchen unter. Beim genaueren Hinsehen merkt man jedoch: Vorsicht! Zeckenbefall! Denn wenn ich für eine Wohnung im schönen neunten Bezirk zwar nur 90.000 Euro bezahle, so sind das 90.000 zu viel, wenn ich weiß, dass jemand drinnen haust, der mir sagenhafte 45 Euro pro Monat Miete überweist. Friedenszinslich gesichert. Für über 50 Quadratmeter. Meines Erachtens macht das die Stadt kaputt. Neben steilen Wertzuwächsen gibt es eben auch diese „andere Seite“, die gesetzliche verankerte Entwertung von Wohnraum.

Dabei gibt es keine Kriegswitwen mehr. Nur noch deren Urenkel, die rechtzeitig in der alten Bleibe gemeldet wurden, gemütlich in ihrer Werbeagentur Kaffee schlürfen und mehr für die Flatrate ihres Netzanbieters bezahlen als für ihr Appartement. Das ist eine Sauerei, die die Substanz der Gebäude gefährdet (und somit die Visitkarte der Stadt), weil kein Eigentümer auch nur einen Cent in solche Liegenschaften investieren kann. Der krasseste Auswuchs eines solchen Abhängigkeitsverhältnisses des Eigentümers vom Mieter (man bemerke die Perversion) kam mir im letzten Jahr unter: Mir wurde vom ehemaligen Mieter selbst erzählt, dass sein Vermieter in eine finanzielle Schieflage geriet (verständlich bei den faktisch negativen Zinserträgen). Daraufhin bot er die 120-Quadratmeterwohnung im neunten Bezirk zum Verkauf an. Natürlich dem, der darin wohnt, wohlwissend, dass sie für keinen anderen interessant ist. Um nette 120.000 Euro, also geschenkt. Der Mieter daraufhin kaltschnäuzig: „Ich biete dir 60.000 und keinen Cent mehr. Du hast keine Wahl.“ Richtig, die hatte er nicht und musste um den Preis verkaufen. Das allseits tradierte Bild der bösen Besitzenden wird in Wien gehörig auf den Kopf gestellt. Und so schaut es auch nicht besser aus.

Aus Fremden Freunde machen – schnell und direkt

Die Odyssee hatte jedoch auch ihre schönen Seiten, womit ich nicht unbedingt auf Abenteuer mit Sirenen anspielen will, deren Tempel man gleich beim ersten Treffen betritt: Man lernt aber doch Menschen kennen und bekommt Einsicht ins Allerheiligste fremder Personen – ihre Wohnung. Es ist wie ein Tag der offenen Tür, nur privat. Und mein persönliches Highlight: Aus der Bekanntschaft mit der Vermieterin gleich des zweiten WG-Zimmers erwuchs eine sehr enge Freundschaft, die ich nicht mehr missen möchte. Auch wenn sie mich einst ablehnte. Oder deshalb.

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