Max Raabe & Palastorchester in Wien

„Wir möchten Sie, hochverehrtes Publikum, gnädigst bitten, uns die Möglichkeit einzuräumen, noch ein Stück zu spielen.“ So etwas sagt Max Raabe – und zwar genüsslich – nachdem die brodelnde Stadthalle ihn mehr nötigt als bittet, noch einmal ans Mikrofon zu treten. Man darf guten Gewissens kommentieren: Das ist bezeichnend.

Seine Zurückhaltung ist Programm, seine Strenge in Vortrag und Erscheinung der Hintergrund mit dem die Pfiffigkeit seiner Lieder kontrastiert. Will man eben jene charakterisieren, zeigen Wörter wie „frivol“ oder „doppeldeutig“ schon länger Ermüdungserscheinungen oder sind gar unzutreffend. Denn in den Stücken aus den 20er- und 30er-Jahren, mit denen ein Großteil des Abends bestritten wurde, geht es natürlich um delikate Aspekte der ehelichen und auch außerehelichen Liebe, doch das recht unverhohlen. Hier wird nichts angedeutet, sondern mit verschmitztem Lächeln hingezeigt.

Einsamkeit im Frack

Was vielmehr – wenn überhaupt – nur schimmert und nicht prangt, ist die melancholische Seite der Texte. Wer fremdgeht, sucht. Wer den „Hausfreund“ pflegt, der braucht ihn. Wer von Liebe träumt, der hat sie nicht. All dies verbirgt ein Kokon aus Fröhlichkeit und Leichtsinn. Stärker, musikalisch unverblümt treten die zentralen Themen Sehnsucht und Einsamkeit in den neuen Stücken zu Tage, die sich Max Raabe zusammen mit Annette Humpe für das aktuelle Album ersonnen hat. Der auch für die Tour namensgebende Titel „Küssen kann man nicht alleine“ ist hier prototypisch und trifft den Kern: Man vermag vieles alleine zu schaffen, doch für die erfüllte romantische Liebe ist der Liebende sich selbst nicht genug.

 

Mehr als genügend, besser: über jeden Zweifel erhaben ist die gebotene Handwerkskunst dieser brillanten Show. Die Töne des Berliner Baritons sitzen so perfekt wie seine Frisur und sein Schwalbenschwanz. Die wenigen Worte der Moderation sind wolkig, doch wohlgewählt und ihre Artikulation ist nicht weniger effektvoll als die Mimik des Meisters, dessen Gesicht einziger Schauplatz dramatischen Ausdrucks zu sein scheint. Das ist besonders  schön, da es sich aktuelle Popmusiker kaum mehr Erlauben können, auf einen Choreografen vor ihrer Tour zu verzichten, wenn sie auf der großen Bühne Erfolg haben wollen. Das heißt aber nicht, dass nichts passierte auf den Brettern der Stadthalle außer gute Miene zu gutem Spiel. Mit allerhand Schelmischem warteten die Musiker des Palastorchesters auf, ohne Gefahr zu laufen, Klamauk zu produzieren. Mit vergnüglichen Solo-, Satz- und Choreinlagen drängten sie ins Rampenlicht, während ihr Chef sich diesem entzog und an den Flügel gelehnt seines Einsatzes harrte.

Schelllack ohne Kratzen

Begleitet von nur diesem schwarzen Schmuckstück sorgte Raabe für einen der sentimentalsten Momente des Abends als er Irgendwo auf der Welt (gibt’s ein kleines bisschen Glück), ein Hit der Comedian Harmonists aus dem Jahre 1932, intonierte. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass ein Schluchzen beim ein oder anderen nur mühsam unterdrückt werden konnte, was nicht nur daran lag, das neben ganz jungen auch Jahrgänge aus der Zeit der Entstehung dieses Liedes zu Besuch waren.

Wäre die Stadthalle ein Tanzpalast und kein Sesselkonvolut, so hätte man selbst den Scheitel streng gelegt und den Stehkragen gestärkt und mit blankpolierten Lackschuhen zu Raabes Up-Tempo-Nummern die Extremitäten geschleudert, als ob es kein Heute gäbe. Denn das Palastorchester mit seinem Sänger klingt wie man es vom Grammophon kennt. Wie Schelllack ohne Kratzen.

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