Österreichischer Exportschlager

Wer meint, Österreich sei in der Welt vor allem für süße Mozartkugeln, schwere Sachertorten und pickiges Red Bull bekannt, der irrt. Die imperiale Nostalgie beschert dem Land seine immense Popularität. Ihr süß-schwerer Duft lockt verlässlich Besucher aus aller Welt. Warum also nicht Vorkehrungen treffen, dass das so bleibt?

Es ist nun schon ein bisserl her, dass der „Kaiser der Herzen“ Otto von Habsburg (Oh, Verzeihung! Von darf man ja hierzulande nicht laut sagen.) unter einem Tamtam, das André Heller nicht pompöser und bunter hätte inszenieren können, in Wien zu Grabe, nein: zu Grufte marschiert wurde. Trotzdem will ich noch ein wenig schwelgen in meinen schon kandierten Erinnerungen. Vor allem, da mir die Auswirkungen dieses mehraktigen Trauerspiels erst im Sommerurlaub gewahr wurden…

Zuckerbäcker der Geschichte

Da waren die herrlich kostümierten Burschenschafter, die die Wahrheit des Marschierens wahrscheinlich schmerzvoller erlebten als sie es sich in ihren kühnen Träumen vorgestellt hatten. Da defilierte der Tiroler Kaiserjägerbund, der wohl nicht mehr wusste, ob er ins Leben gerufen wurde, den Kaiser zu jagen oder für ihn. Da rann der treuen Gefolgschaft aus Bundesheer- und Kronländerkapellen der Schweiß ins auch in Friedenszeiten todernste Antlitz. Und schließlich war auch die blaublütige Verwandtschaft europäischer Königshäuser angereist, um dem letzten Schönbrunner das letzte Geleit zu geben. (Mit dabei im Rollstuhl die ein oder andere noch lebende Haute Cousine.)

Der Heldenplatz, schon ganz verweichlicht von der Flut turnschuhtragender Touristen, wähnte sich unter strengen Stiefeltritten und Kanonenschüssen plötzlich wieder in alten Zeiten. So ging es auch dem ein oder anderen, der den Zug säumte. Als sich der Sarg näherte, besprachen zwei Damen adäquates Verhalten. – Do kummt er! – Soll ma uns bekräzing? – Glaubst? Soll ma? – Jo, also I du mi bekräzing. – Jo, dann du i a. Okee, du ma uns bekräzing. – Jo. bekräzing ma uns. Gesagt, getan, die Hände huschten in undefinierbarem Muster über die Körperfronten. Die Demut reichte aber nicht so weit, für zwei Sekunden pietätvoller Besinnung die Zungen still zu halten. Da muss die Stadt noch üben. Kleine Details machen die große Show.

Als der Leichnam am Vorabend der Beisetzung in den Stephansdom überstellt wurde, mischte ich mich dort unter die Schar der Schaulustigen, quasi als Schmarotzer unter Schmarotzern. Ein adlig ausschauender und sprechender Herr nebst Gattin erklärte einem südamerikanischen Paar, was der Anlass der momentanen Vorgänge sei. Leider. Hätte er es nicht getan, hätten sie vielleicht geglaubt, das gibt’s in Wien jeden Tag. Keine schlechte Idee: So „a schene Läich“ – und zwar jährlich! Das würde der Stadt Millionen bringen. Warum die Geschichte also nicht gänzlich instrumentalisieren? Warum den Historienkonditor nicht noch mehr Staubzucker auftragen lassen?

Ein Modell macht Schule?

Doch viel mehr als Marketing ist diese Reminiszenz ans Kaiserreich: Die Demokratie schwächelt ja schon seit geraumer Zeit. Da könnte Österreich in die Presche springen und wieder politisches Vorbild werden. Erste Erfolge sind schon zu verzeichnen. Vom Ringstraßen-Wandertag nämlich scheint eine ganz besonders beeindruckt worden zu sein: die deutsch-schwedische Königin Silvia. In ihrer Wahlheimathauptstadt Stockholm war ich zum Gegenbesuch und fand dort massive Anzeichen antidemokratischer, restaurativer Entwicklungen. Zum einen aristokratische Durchhalteparolen, zum anderen, auf königlichen Insignien verewigt, die drei Buchstaben, die zum Hause Habsburg gehören wie Pferdebrunz zum Stephansdom – K U K. Last but never least: Sogar das Konterfei des sich selbst so sehenden Weltverbesserers aus Braunau schaute streng in die Straßen, wenngleich sein Gewand zwar imperialistisch, jedoch wenig imperial daherkam.

Wie auch immer sich die Dinge entwickeln – ich erwarte mit Spannung die Zukunft in einem Land, welches das Gestern dem Heute vorzieht.

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