Mein blaues Wunder – Warum Prokrastination zum Kurzschluss führt

Schon länger brüte ich an einem Notfallplan: Wenn ich keinen anständigen Job bekomme, geh‘ ich in die Politik. Nirgendwo scheint mir das so einfach wie in Österreich. Und zwei dicke „assets“ bring ich ja schon mit: Als Deutscher bin zur Führungsperson ja bereits von der Geschichte her prädestiniert (ein anschlusswilliger Wählerbodensatz ist mir gewiss) und die piefkinesische Abstammung wird auch anderweitig noch zur Qualifikation: Ich habe Migrationshintergrund.

Der Druck auf den intellektuellen Gemeindebau der Stadt Wien, die Universität, wächst unaufhörlich. Schuld daran sind die Ausbildungsasylanten, die Forschungsvertriebenen aus der Bundesrepublik, die Teutonetschuschen. Die, die keiner haben will, drohen alle Kapazitäten an sich zu reißen. Um sie zu bändigen, braucht es einen, der Ihre Sprache spricht. Mich.

Kurz-Schluss-Reaktion

Ob Staatssekretär Kurz das zumindest mittelfristig auch kann? Wenn ich mir die Presse nach seiner Ernennung anschaue, stellt sich die Frage ob kurz oder lang erst gar nicht: Der junge Mann scheint am Ende, bevor er überhaupt angefangen hat. Seine Halbwertszeit ist die eines Glases Veltliner am Mittagstisch von Michi Häupl. Womit lässt sich diese Kurz-Schluss-Reaktion der Medien erklären? Seine Erfindung zweifellos fraglicher Berühmtheit, das „Geilomobil“, wird dazu beigetragen haben, sein ausgedehntes, um nicht zu sagen gemütliches Iusstudium, seine Tommy Hilfiger-Model-Frisur und nicht zuletzt sein Alter. Warum ich ihm keine große Zukunft vorhersage, hat einen anderen Grund. Der schwarze Busen, der ihn nährt, kann vielleicht nicht mehr allzu lange Milch geben. Die ÖVP wird, vielleicht nicht nur in Wien, da aber sicher, ein alles andere als geiles Wahlergebnis erleben, sondern ein blaues Wunder; sie wird implodieren, bleiben wird nur ein schwarzes Loch. Zu ungestüm und konfus sind die Aktionen dieser euphemistisch (hier: pädagogisch verträglich bzw. politisch korrekt) gesprochen turbulenten Truppe. Ob es der anderen „Volkspartei“ viel besser ergehen wird, wage ich zu bezweifeln. Zwar vermeidet Phantom-Kanzler Faymann (Wie heißt der gleich mit Vornamen? Man liest so selten von ihm. Was hat denn der für eine Stimme? Im Fernsehen habe ich ihn noch nie reden gehört.) geschickt alle Negativschlagzeilen, aber eigentlich alle Berichterstattung und halt leider auch die Tagespolitik, will sagen die Ausübung seines Jobs. Ich frage mich, ob es einen echten Kanzler Faymann überhaupt gibt oder ob er nur eine Orwellsche Marionette ist, ein Platzhalter, erdacht von Parteistrategen als inhaltsleeres Anschauungsobjekt, inkarniert von mehreren Doppelgängern mit Wangensilikonimplantat und Hundeblick, deren Existenz zu verschleiern die eigentliche Aufgabe der Beamten im Bundeskanzleramt ist. Ich frage mich weiter: Warum nur wählten die Österreicher so „etwas“ an die Spitze ihres Landes? Meine Freundin erklärte mir schweren Herzens, dass er das geringste Übel gewesen sei. Aha, merken, so funktioniert also Personalpolitik in Österreich. Unter den Blinden ist der einäugige König. Unter den Dummschwätzern der still Lächelnde.

Prokrastination als Programm beschert ein „blaues Wunder“

Und nach der Wahl dann heißt’s Eile mit Weile. – Wer nichts macht, macht auch nichts falsch. – Was du heute kannst besorgen, das verschiebe ruhig auf morgen. Diesen Mantren folgt die Regierung scheinbar, ist überzeugt von der Verlässlichkeit dieser bewährten Vorgehensweisen. Das Programm der Prokrastination muss sich nun aber einem Stresstest unterziehen. Der Stress ist blau und auch ein bisschen grün und sägt an den Stühlen der Alteingesessenen. Dass man sich mit Haider schon einmal selbst grün und blau geschlagen hat, scheint mir schon wieder völlig vergessen. Doch mit dem ewigen Rück-Seit-Schluss steigen die Politparkettschlaftabletten beim langsamen Walzer der Nation ganz schön auf die Zehen: Sie will geführt werden, egal in welche Richtung. Genau da sehe ich meine Chance, ich habe Führerpotenzial! Schnell die Staatsbürgerschaft beantragen, mich auf eine Liste setzen lassen und dann für das Wohlstandsalär auch wirklich arbeiten und nicht auf die nächste Legislatur schielen. Das ist mein Konzept! Konkurrenzlosigkeit aber mein Erfüllungsgehilfe. Denn wenn ich die Bemerkungen meiner österreichischen Freunde richtig interpretiere, scheint die Existenz der Spezies „Politprofi“ hierzulande so gesichert wie die von Yeti und Nessie. Manche Menschen vermuten, dass es sie gibt, andere hoffen es und die meisten sind sich sicher: Solche Erscheinungen sind nur das Resultat von Sinnestäuschungen kombiniert mit Wunschdenken. Meine Chancen stehen also gut.

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