Warum Heute schon morgen ziemlich von gestern ist

Ein Plädoyer für das eBook und gegen das Beweinen von Dingen, die sich überholt haben

„Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“ soll Konrad Adenauer, seines Zeichens erster Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, einst – rhetorisch und selbstironisch – gefragt haben. Er machte damit eines klar: Für ihn sind Meinungen niemals zementiert. Vielleicht beim pathologischen Einzelfall, kaum beim ordinären Menschen und sicher nie bei einer breiten Masse, die wegen ihrer kollektiven Form „mehr Zeit“ als nur ein Menschenleben hat und allein schon deshalb eher, euphemistisch gesprochen, flexibel ist.

Was fürchtete man sich nicht vor der ersten Eisenbahn? Wie wähnte man nicht die Welt am Abgrund, als der Jazz nach Europa schwappte? Wie verteufelten viele McDonald’s, als die ersten Restaurants eröffneten und wie gerne hätte mancher den Computer bei (und auch nach) seiner Einführung mit Weihwasser besprengt, um ihn dahin zurückzuschicken, woher er vermeintlich kam: aus einem weltlichen Vorhof der Hölle?

Es scheint ein historisches und anthropologisches Faktum zu sein: Wandel stößt auf Widerstand. Doch ist er erst einmal vollzogen, will ihn meistens niemand mehr rückgängig machen.

Sind eBooks aber vielleicht doch eine geschichtliche Ausnahme? Führen sie – nun endlich! – in den schon oft prophezeiten Untergang des Abendlandes? Ich frage nach.

Wir Abendländer sind ja die Erfinder des Buches, das uns Amerikaner und Asiaten mit sinn-losen (ja: sinn-los – riecht nicht, fühlt sich nicht gut an und raschelt nicht!) kleinen Bildschirmen ja nur madig machen wollen. Wie? Angefangen hat alles mit dem Fernsehen. Filme und Serien schauen geht natürlich leichter als sich durch ein Buch mühen. Dazu braucht es auch ein bisschen Disziplin. Und genau da setzte sie an, die Unterminierung des höchsten aller Kulturgüter Europas, bei der Achillesverse ‚Konsumierbarkeit‘: Das „Heimkino“ alias Fernsehen grub unserem Buch das Wasser ab. Schlimmer wurde es dann noch mit quasi ‚TV on demand‘, also Video bzw. DVD. Wer braucht da noch ein Buch zum Lesen, wenn er Bücher schauen kann? Mit dem Internet wurde die Entertainmentkonkurrenz noch einmal verschärft. Zwar auch durch das Hörbuch, doch das verpflichtet zumindest zu genauem Zuhören.

Doch das Buch blieb, wenn auch stark zurückgedrängt, das Buch: Manifest des Geistes, der Unbeirrtheit, Zeugnis von Hirn und Handwerk (Krone der intellektuellen und der Papierschöpfung!), bewährter Bote der Weisheit, Freund in Lebenskrisen, Brennmaterial in noch größerer Not.

Doch nun soll auch diese Bastion fallen, das betonierte Bollwerk europäischer Kultur- und Wissenstradition gesprengt werden: Das eBook (sprich: iiiih!-Buck – da ist die Abneigung ja schon klanglich verankert) kommt, rüttelt nicht nur an den Grundfesten unserer Gesellschaft, sondern zerstört mit einem systemischen Kahlschlag alles, was dem Buchliebhaber das Leben so versüßte:

Adieu Lieblingsbuchladen ums Eck! Ich habe bei dir zwar nie etwas gekauft, aber doch so gerne geschmökert.

Adieu Ledereinbände! Gepflegt wurdet ihr zwar nie, seid vertrocknet in der Bibliothek oder verfault am Dachboden, aber ich hätte euch noch so gerne gestreichelt, wäre dazu nur Zeit gewesen.

Adieu Papiergeruch! Wie lieb wart mir ihr Seiten vor dem Gilb der Sonne, dem Schimmel hinter dem Regal der feuchten Wohnung und vor dem Staubbelag durch jahrzehntelanges Nicht-Lesen.

Adieu Seitengeraschel! Du bist mir zwar nie aufgefallen, aber wenn ich es mir jetzt so überlege, hast du meinen Ohren doch immer geschmeichelt.

Jetzt gibt es nur noch diesen eReader. Klein, leicht, handlich, perfekt, grausam. Keiner sieht mehr, was ich lese. Oder schon gelesen habe. Oder noch vorhabe zu lesen. Oder niemals lesen werde, aber immerhin besitze. Egal ob Vielleser oder nur „Great Pretender“ – alle haben nur noch eine Scheibe. Wo bleibt da die Individualität?

Nun ja, im Kopf mein Lieber! Es geht schließlich um das Buch im immateriellen, im ideellen Sinn, nicht um das Druckerzeugnis. Wenn der kleine Buchladen ausstirbt, dann nicht wegen des eBooks, sondern wegen des Komforts einer online-Buchhandlung, auch beim physischen Buch (kein Weg, größere Auswahl, bessere Verfügbarkeit und manchmal gar einen Preisvorteil). Und wenn weniger gelesen wird, dann liegt das auch nicht am elektronischen Buch, sondern – du hast es selbst gesagt – an Film und Fernsehen, audiovisuellen Medien, die dem Buch auf dem Unterhaltungssektor schon lange den Rang abgelaufen haben.

Den a priori-Nostalgikern im Bereich Buch blüht das Schicksal wie einst den Verfechtern von Pferd und Fuhrwerk: Entweder vergessen sie die passioniert bekundete Loyalität gegenüber dem papiernen Buch schneller als ihnen zuzugeben lieb ist oder sie bleiben den Seiten, die einst ein Baum waren wirklich treu – jedoch in ihrer Zahl stark dezimiert. Rösser und Kutschen gibt es heute noch, haptische Bücher gewiss auch in der Zukunft – wahrscheinlich nur seltener.

Gelesen wird immer, selbst wenn die Buchstaben nicht mehr auf Papier zum Rezipienten kommen; vielleicht aufgrund der erleichterten Verfügbarkeit und Zugänglichkeit des Lesematerials gar mehr als heute.

Warum ich mit Gewissheit von einer Zukunft spreche, in der das eBook vorherrscht?

Nun, wenn das Komfortablere auch noch das Billigere ist und dabei nicht gegen Gesetz und gute Sitten verstößt, dann wird es sich durchsetzen. Auch im alten Europa.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.