Bodo Wartke in Wien

Bodo Wer? Wartke? Klingt nach mitteldeutschem SPD-Politiker, der die besten Jahre bereits hinter sich hat. Ist aber ein norddeutscher Liedermacher, der seinen Zenit ganz bestimmt erst kommen sieht. Sein Stil wirkt wie eine Assemblage aus Hans Liberg, Willy Astor und Heinz Erhard, ist aber viel mehr als ein Verschnitt.

Die ihn kennen, werden sich mit der Behauptung „Zenit in der Zukunft“ schwer tun. Skeptisch werden sich die fragen, ob eine Steigerung in seinem Fach noch in den Bereich des Möglichen fällt. Bodo Wartke nämlich vereint wie kein zweiter im deutschen Sprachraum einen witzigen, klugen und schier unerschöpflich kreativen Umgang mit Sprache mit einem ebenso meisterlichen Einsatz der Musik. Musik, die er, wie die Texte, selbst komponiert und auch ganz alleine vorträgt.

Der Mann am Klavier

Einzig der Flügel ist sein Begleiter – doch wie es scheint kein Unzureichender. Mit der Leichtigkeit seines Spiels, der Fähigkeit alle Register des Tasteninstruments zu ziehen und sich dabei aller möglicher Musikstile zu bedienen, schafft es Wartke, den Eindruck einer Band zu vermitteln, die Blues spielt, Swing, Rock’n’Roll, Gospel, Latin und Pop. Auf der anderen Seite ist er  klassischer Pianist, der Mozart zitiert und variiert, aber auch Chansonbegleiter. Das hinter dieser Klangillusion großes handwerkliches Können steckt, ist unbestritten. Wie so oft fällt das aber nicht eigens auf.

Foto: www.bodowartke.de

Der junge Mann aus dem norddeutschen Bad Schwartau, das man allenfalls kennt, da die gleichnamige Marmelade dort herkommt, ist kein schwermütiger Geist, wenngleich alles andere als ein intellektuelles Leichtgewicht (seine Ödipusadaption wird unter Literaturwissenschaftlern gelobt). Er hat jene seltene „Mozartqualität“, d.h. er schreibt Hits – denn jedes Lied von ihm ist sehr eingängig -, die unterhalten aufgrund ihrer Melodie und ihres Sprachwitzes, doch noch mehr sind als gefällig: Sie kitzeln an vielen Stellen. Sei es ein Kalauer, den man erst beim zweiten (oder zehnten) Mal versteht, ein kritischer Tenor, den mancher vielleicht gar nicht wahrnimmt, eine Ironie, die erst einmal alle überrascht oder so latent platziert ist, das ihre Existenz vielleicht nur im Ermessen des Hörers liegt. Die Lieder sind intelligent konstruiert, doch nie anstrengend, voller Verweise auf musikalische und literarische Prätexte und versehen mit der ganzen Bandbreite an rhetorisch-musikalischen Stilfiguren, die die Dichtkunst kennt. Beispielsweise werden die grausamsten Zeilen begleitet von lieblichster Musik, der Inhalt also vom Klang konterkariert oder die Musikform selbst stiftet Sinn und Text.

Programmatischer Kalauer: Ich denke also sing‘ ich

Im in Wien vorgetragenen Programm Noah war ein Archetyp spielten „Lieder, die so heißen wie Frauen“ eine große Rolle. Nichts Neues für Kenner, erklärt der Lieddichter in seinem Zyklus Achillesverse doch die Bedeutsamkeit der Liebeslieder und nutzt die Vielseitigkeit dieser Gattung, die als Vehikel für unterschiedlichste Botschaften dienen kann. Eine sehr beeindruckende wenn auch alles andere als typische Nummer eben jener Kategorie wurde in der Stadthalle vorgetragen und verursachte beim zwar sehr gemischten, aber in leichter Mehrheit doch jungen und weiblichen Publikum großen Applaus: Ja, Schatz! Er nimmt sich aber auch musikwissenschaftlicher Schwerstthemen wie der Zwölftonmusik an. In Dodekakophonie erklärt er diese auf so wunderbar anschauliche Art und Weise, dass alle Musiktheorielehrer dieser Welt sich daran ein Beispiel nehmen sollten, tut natürlich aber auch gleich wohlgeformt seine Meinung zu dieser Idee kund.

Hochinfektiöses Unterhaltungserlebnis

Über das Fan-Echo in Wien schien der heuer 34jährige selbst erstaunt. Spielte er 2010 noch im (allerdings aus allen Nähten platzenden) Audimax, so war es nun schon die Stadthalle (und das wohlgemerkt nicht in seinem Stammland). Nach einer kurzen Umfrage war klar, dass alle Besucher des letzten Konzerts dieses Mal wieder im Publikum saßen – und zwei Freunde mitbrachten: virales Marketing in der Praxis. Diese Empfehlungsleistung wollte der Künstler natürlich gebührend belohnen und glänzte mit größter Spielfreude und Ausdauer über zweieinhalb Stunden. Danach noch Autogrammstunde und weiter Keime versprühen. Bodo Wartke ist eben ansteckend.

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