Anachronizität als Ideal oder: Warum Hofer jetzt wieder Plattenspieler verkauft

Liebe Freunde des sogenannten Shabby Chic,

wie lange musste ich auf die Wiederentdeckung der Ray-Ban-Brille warten? Ich weiß es nicht. Sicher war nur, es wird sie geben.

Bei Mode, die man am Körper trägt, leuchtet mir das zyklische Wiederkehren ein. Aber bei Technik? Ich wähnte mich just tagträumend, als ich heute bei Onkel Hofer Einkehr hielt um den Necessaire des täglichen Lebens billig zu erstehen. Die Hausmarke Tevion verkauft dort momentan tatsächlich Plattenspieler! Da nach dem Einkauf weniger Geld in meinem Börsel war als davor, schloss ich eine Illusion aus und auch ein Fallen durch ein Loch im Raum-Zeit-Kontinuum, denn: es hieß auf der Verpackung „Mit USB-Anschluss“. So viele DJs wie Hofer Geräte verkaufen will, kann es niemals geben, also wendet er sich wohl an den gemeinen Endverbraucher. Und tatsächlich: Auf dem Karton aufgedruckt war ein fröhliches Paar in seiner Designer-Wohnung im sterilen Mac-Look (=iApp, steht für Appartement, nicht application) auf seiner Designer-Couch mit Designergewand und Designerweingläsern nebst Designerinhalt. Verschiedene Einstellungen, einmal auch mit geschlossenen Augen, entspannt, wie es nur ein kinderloses Architektenehepaar sein kann, wohl darauf abzielend, die wohltuende Wirkung altmodischer Klänge zu unterstreichen. Modern sein, aber doch „zeitgeerdet“, mit Wurzeln, also „roots“, sozusagen wissen wo man herkommt, blabla. Vielleicht will man aber die jüngsten Kunden abgreifen, die Plattenspieler nur vom Hörensagen kennen oder vom Sperrmüll (österr. Mistplatz). Old school ist in und wird es immer sein. Deswegen werden auch neue Rockalben wieder mit Bandmaschine aufgenommen und demnächst wieder Videorecorder die Mediamärkte dieser Welt füllen, „denn dieses schneeige Bild mit seiner Unschärfe hat einfach diese ganz besondere Qualität, die keine BluRay-Disc erreicht“. In der Tat und unbestritten.

Man mag es nennen, wie man will: Vintage, Retro, ewig gestrig oder schlicht Nostalgie – das Idealisieren der Vergangenheit ist dem Menschen wohl sehr lieb. Warum? Die Vergangenheit scheint mir ein unberührbares Refugium, von dem man träumt, doch das man nicht mehr erreichen kann. Jedes Stück von dieser sagenumwobenen Insel ist da eine kostbare Reliquie, egal wie es dort wirklich aussah. Die Vorstellung vom Paradies ist das wichtige, nicht das Paradies selbst.

So, auch wenn das alles eher bedacht klingt, es ist es nicht. Ganz sicher.

Fröhliche Grüße!

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