Ein katholischer Deutscher: Die Potenz des Bösen?

FAZ statt Minarett – sind Deutsche gefährlicher als Muslime? Über das wirkliche Einwanderungsproblem in Österreich: Es gibt zu viele Deutsche.

Ja, ja, ja, man kann es eh schon nicht mehr hören: Wir Deutsche bilden die größte Migrantengruppe Österreichs. Längst sind nicht mehr nur Skihütten vom morbus germanicus befallen, NC-Flüchtlinge okkupieren sämtliche Universitätsstädte der Republik, in denen jeder sich zum Psychologen oder Mediziner ausbilden lassen kann. Der Zustand erinnert ein wenig an die legendäre Türkenbelagerung. Wahlweise an die Annektierung von 38. Alles geht nur subtiler vonstatten, der Eroberung erfolgt nicht von oben oder außen, sondern von innen. Österreich wird allmählich durchsetzt vom Piefke-Pilz.

„Dein Boss ist Piefke“ – ein deutscher Papst als Vorwand, aus der Kirche auszutreten

„Wir sind gekommen um zu bleiben“ heißt ein jüngst erschienenes Büchlein, indem Deutsche Ihre Geschichte erzählen, die hier eigentlich nur kurz Station machen, dann aber doch nicht mehr weg wollten. Der paradoxe Titel, schließlich hatten die wenigsten die Absicht zu verweilen, kann gut Motto der „neuen Ausländer“ sein. Hier ist es schön, hier ist Kultur, hier weiß man zu leben und Geld gibt’s auch zu verdienen. Glaubt man dem Kandidaten für das Bürgermeisteramt in Wien, der sich gerne als blauäugiger Messias konstruiert, ist das ganze Land tatsächlich ein Mekka für Sozialschmarotzer. Wer damit gemeint sein könnte? Der nachgeholte Anhang türkischer Gastarbeiter. Wer damit gemeint ist? Die Deutschen. Klauen den Einheimischen die gutdotierten Arbeitsplätze, machen ihnen im universitären Titelrennen die Plätze streitig – und zahlen nicht einmal Startgebühr. Das Schlimme: Diese Anschuldigungen sind ausnahmsweise fundiert. Wir sind wirklich ein Plage, ein Parasit, ein Virus. Über das allmächtige Mittel Fernsehen zwingen wir auch allmählich die letzte Bastion des österreichischen Immunsystems in die Knie: Die eigene Sprache. Ich als süddeutscher Schönwetter-Katholik fühle mich absurderweise wie eine restaurative Kraft, wenn ich „Grüß Gott“ benutze. Man hält mich im österreichischen Freundeskreis für einen christlichen Fundi und potenziell rückständig.  Da wittere ich falsch verstandene Aufklärung, norddeutsch-protestantische Manipulation, was red ich!, preußisch-ruchlose Kulturunterminierung. Ohne Dogmatik: Sind sinnentleerte religiöse Sprachrudimente weniger schützenswert als ein Flakturm? Droht meinem Refugium Österreich das Mallorca-Schicksal? Die teutonischen Jumbojets sind bereits gelandet.

Wenn die Abwanderung aus meiner Heimat so weiter geht, werden sich deutsche Volksparteien ihr Selbstbewusstsein bald im Ausland holen und in der Kaiserstadt eine Dependance aufmachen müssen. Keine Wahlerfolge mehr in Hamburg, Hessen oder Sachsen, nein, in Wien. Die Wähler sind halt emigriert in die Offshore-Biosphäre, ins Qualitätsexil, da muss man mitziehen. Problem nur, wohin mit den ganzen Österreichern? Deportation in die Nikotin-Oasenfreie Kaffeehaus-Wüste zwischen Rhein und Oder? Natürlich nicht. Österreich ohne Österreicher wäre wie eine Tankstelle ohne Sprit. Es gäbe keinen Grund hinzugehen. Außerdem braucht jeder Egel seinen Wirt. Wär übrigens auch was für ein Wiener Wahlplakat: „Nur fremdes Blut schmeckt wirklich gut!“

KOLUMNE für www.KULTURWOCHE.at

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