Österreich: gleichzeitig süß und morbide

Liebe Freunde unterschwelliger Erziehungsmethoden,

„Ja, die Zuckerindustrie ist raffiniert…“ heißt es in einem Liedchen von Willy Astor über sehr, sehr unüberlegte Konsumenten, die sich des sogenannten Verbraucherschutzes als absolut unwürdig erweisen und wegen amputierter Diabetes-Beine und wegfaulender Zahnstümpfe die Hersteller von Gummibärchen und Mohrenkopf (Negerkuss? Hierzulande entspannt Schwedenbombe genannt) verklagen. 

Nicht so in Österreich. Obwohl – doch! Hier wird die Raffinesse eigentlich erst auf die Spitze getrieben. Man ist im Grunde hochanständig und warnt vor den Gefahren des Süßigkeitengenusses. Das aber nicht so plakativ, wie es die Tabakindustrie vormacht („Rauchen kann tödlich sein“), schließlich weist man auf Konsequenzen einer „Überzuckerung“ – bemerkenswertem Verantwortungsbewusstsein entsprungen – noch freiwillig hin. Aus dieser Zwanglosigkeit ergibt sich nämlich der Freiraum für metaphorisches Mitteilen, subtiles Kommunizieren (das dem Mythos nach in diesem Land und im Speziellen seiner Hauptstadt recht akribisch gepflegt wird). Kein preußisches Verbot mit Brechstange, sondern homöopathisches Gruseln. Wie das ausschaut? Makaber. Ich bin ehrlich erschrocken, als ich ihn zum ersten Mal sah: den Zuckerlautomaten in Form und Größe eines Kindersarges.

Zuckerlautomat alias Kindersarg
Subtext: Du kannst dich an mir laben, doch wirst du früher dann begraben.

Andererseits: Vielleicht will man den jungen Menschen nur die Angst vor dem Tod nehmen und ich habe die Konditionierung gänzlich missverstanden. Nicht Abschrecken sondern Anfreunden. Alternativbotschaft: Jenseits des Jordans winken Kaugummi und Lakritz. Das scheint mir jetzt sogar viel wahrscheinlicher. Eine Gesellschaft ohne Angst vor dem Nicht-mehr-Sein: Nicht die übelste aller Vorstellungen.

Zucker und Ableben, da fällt mir natürlich eine (die beste) Wolf-Haas-Verfilmung ein: „Komm‘ süßer Tod“

Schönes, süßstofffreies Wochenende!

 

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