Tom Ford – A Single Man

Über diesen Film wurde ja schon viel geschrieben. Zwei Bemerkungen finden sich in nahezu allen Texten wieder: „Erstlingswerk von einem Modeschöpfer“ und das Prädikat „ästhetisch“. Ersteres ist unbestreitbar, letzteres – hat man den Film gesehen – auch.

1962. George Falconer (gespielt von Colin Firth), Literaturprofessor in Los Angeles, hat vor acht Monaten seinen langjährigen Lebensgefährten durch einen Autounfall verloren und leidet seitdem an gebrochenem Herzen. Nicht nur psychisch, auch und als Folge physisch. Herztabletten und Alkohol gehören zu seinem täglich Brot. So beschließt er, seinem Schmerz und damit seinem Leben ein Ende zu bereiten. Er geht noch einmal in die Universität, trifft danach formale Vorbereitungen, die es den Hinterbliebenen einfacher machen sollen, probt das Ansetzen des Revolvers (was komische Szenen à la Mister Bean hervorbringt) und verabredet sich für den Abend mit seiner Jugendfreundin Charlotte (Julianne Moore), die ebenfalls in Trauer versinkt seit sie ihr Mann verließ; der allerdings starb nicht, sondern lief nur davon. Mit diesem Tag soll auch sein Leben vergehen und – so viel vorweg – das tut es auch.

Julianne Moore und Colin Firth in Tom Fords "A Single Man"
Hört sich bis auf den Umstand des Todes nicht ereignisreich an. Der Film besteht aber nicht nur aus den Geschehnissen innerhalb der 20 Stunden zwischen Erwachen aus einem Traum und dem letzten Entschlafen sondern auch aus vielen Reminiszenzen.

Weniger das Was? ist in meinen Augen wichtig, eher das Wie?. Ästhetisch, ein Begriff mittlerweile so überstrapaziert wie „interessant“ oder „spannend“ bedeutet zum Einen schön und ansprechend, aber auch in einem theoretischen, weiteren Sinn den Forderungen einer Kunstform gehorchend. Was heißt das? Nun, ästhetisch ist nicht nur ein ebenmäßiges Gesicht und ein gepflegter Rosengarten oder eine Mozartarie. Nein, auch ein Autounfall mit zerquetschten Körpern, eine Wehrmachtsuniform, ein von Maden zerfressenen Stück Fleisch oder Zwölftonmusik. Ästhetik ist wertfrei, heißt dem Ursprung nach Wahrnehmung oder Empfindung und bezeichnet in der Kunst also die Darstellung als Instrument der Vermittlung (man denke an die Schockwirkung der abstoßenden Benetton-Kampagne). Es gilt deshalb oft die Kunst als innovativ, die eine eigene Ästhetik entwickelt. Tom Ford gelingt das mit seinem Debüt. Allerdings ohne Skandal, ohne Provokation – sondern durch ungeheuer präzisen Blick auf die Details der Welt.

Von Hypo- zu Holochromie

Es ist kein Film von hoher Geschwindigkeit. Keine Kamerafahrten, Aufnahmen aus dem Stand heraus werden sogar teilweise durch eine Zeitlupe noch gebremst. Dennoch steht der Film nie. Wirklich außergewöhnlich ist der Umgang mit der Farbe. Von magersaturiert wechselt das Bild plötzlich zur Vollfarbigkeit, immer dann wenn etwas Positives ins Leben des Helden tritt und somit Licht ins Dunkel fällt. Immer aber bleibt das Bild grobkörnig, es „rauscht“, ist also nicht scharf konturiert. Dieses Bildrauschen kann ruhig zweideutig gelesen werden.
Kunstvoll und eigentlich auch künstlich ist die ganze Welt, die präsentiert wird. Es gibt keine hässlichen Menschen (nicht einmal hässliche Tiere). Sogar die verweinte und verkaterte Julianne Moore in ihrem Bett am frühen Morgen ist noch ein Stimulus für das Schönheitszentrum im Hirn. Die Anzüge des Professors, sein zeitlos gezeichneter Bungalow, sein Mercedes-Coupé, seine Nachbarn , die Studenten, der Zuckerlautomat im Lehrerzimmer, selbst der Hörsaal und die Uhren im Institut sind vollkommen. Die jungen Männer schauen allesamt aus als wären sie die College-Boys aus einer Tommy Hilfiger-Werbung. Bei einem Regisseur aus der Modebranche auch gut vorstellbar, dass es so ist. Und auch Colin Firth, dem in der Rolle den ganzen Tag attestiert wird, er sehe schlecht aus, glänzt mit perfekter Oberfläche. Kurz: Der Film ist eine Huldigung an Schönheit über alle Grenzen hinaus. Schönheit bei Mensch, Tier, Natur und Ding – die Nahaufnahmen setzen alles in Szene, was dem Auge schmeichelt. Oder gefällt am Ende alles, wenn nur schmeichelhaft in den Fokus gerückt? Paradox wie die Geschichte mit Henne und Ei.
Aber es geht nicht nur um eine Schau des Schönen. Vielleicht ist der Film zuerst einer über die Liebe bzw. über das Leben ohne Liebe und die Frage, ob ein solches lebenswert ist. Sicher aber ist er einer über Angst. Gezeichnet wird ein Bild der Gesellschaft der amerikanischen 60er-Jahre, in die die Handlung eingebettet ist. Es herrschen Homophobie, Anti-Kommunismus-Paranoia, Sexismus, Rassismus und Konsumzwang – auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gebracht (und der ist ziemlich groß): Angst vor Andersartigkeit. Bis heute sehr bestimmend, nicht nur für die USA.
Auch spielen Drogen als Gegenmittel zu Angst und Ohnmacht eine Rolle, die Folge dieser Flucht ist noch mehr Angst und noch mehr Ohnmacht.

Metaphorische dichte Bildlyrik

Inwieweit Christopher Isherwoods Romanvorlage die gleichen Schwerpunkte setzt und die metaphorische Dichte vorgibt, kann ich nicht sagen, da nicht gelesen. Bei diesem Film, den man getrost als Bildlyrik bezeichnen kann sehe ich das als Vorteil. Die Lektüre der Vorlage kann einen Film aufwerten, wenn er einer großen Vorlage gerecht wird. Genauso gut aber einen guten Film schlecht machen, weil dieser einfach per se anders darstellt. Und was die Bilder hier vermögen, wird Worten schwerfallen.
Von einem Meilenstein der Filmgeschichte spricht sich verlässlicher, wenn ein bisschen Zeit vergangen ist. Sicher aber wird der (salopp ausgedrückt) Streifen Spuren hinterlassen und wahrscheinlich – das größte Lob – von anderen in puncto Ästhetik nachgeahmt werden. Ein Gang ins Lichtspielhaus lohnt. Auf dem heimischen Flatscreen oder gar nur Laptop wirkt dieses grandiose Leinwandkunstwerk nicht halb so stark.

REZENSION für www.KULTURWOCHE.at

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